Selfies? Ja, bitte!

 

MTSelfie

Die Welt oder zumindest das Abendland geht bei den Besserwissern unter den Schöngeistern mal wieder unter: Allenthalben werden Selfies gemacht, also Selbstporträts mit dem Smartphone, und die seien Ausdruck heutiger Selbstverliebtheit und von Narzissmus, war auf der Kulturseite einer Zeitung zu lesen, also da, wo sich die entsprechenden Redakteure üblicherweise gerne selbst darstellen.

Schlimm, schlimm, wenn einer sich selbst abbildet. Was mag nur im Kopf von Albrecht Dürer vorgegangen sein, als er sich auf seinem Selfie als Christus inszenierte? Ach halt, der hat ja gemalt.

Genug gespottet. Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Man ist halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man jetzt vor dem Brandenburger Tor oder dem Louvre steht. Früher hat man deswegen eine Postkarte auf den Postweg gebracht, heute geht das sofort und man ist sogar noch selbst mit auf dem Bild.

Und wie so mancher virtuelle Weltuntergang – erinnert sich noch jemand an die Angst vor den Avataren des „Second Life“ vor zehn Jahren? – wird sich auch das normalisieren und wir dürfen uns in dreißig Jahren daran erfreuen, wie schief wir früher ausgesehen haben.

Es gilt also auch hier: Gelassen bleiben!

P.S.  Noch ein Tipp: Mit einem Selfie-Stick sieht das Gesicht wenigstens nicht immer wie ein Kürbis aus….

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Forever 50+

 

589px-ClarksdaleMS_Crossroads

„The Crossroads“ in Clarksdale, Mississippi (Foto: wikicommons / Joe Mazzola)

Den Fünfzigjährigen, der seine Midlife-Krise damit beendet, dass er sich eine Harley-Davidson kauft, habe ich eher für einen Witz gehalten, bis mir tatsächlich zwei grauhaarige Herren in schwarzer Lederkluft begegnet sind, die aussahen, als seien sie gerade der Filmkomödie „Born to be wild“ entsprungen, und mir auf Anhieb sympathisch waren. Jedem, wie es ihm gefällt, und lieber Bike Fahren als zuhause nörgelnd herumzusitzen.

Wir Männer der Generation 50+ sind eine wichtige Zielgruppe für alles, was vor 40 Jahren nach Revolution aussah oder wenigstens Veränderung. Denn wir kaufen, was uns das Gefühl gibt, jung zu geblieben sein: Motorräder, Vinyl-Schallplatten und definitive CD-Gesamtausgaben mit unveröffentlichen Probeaufnahmen und was es sonst noch an Spezialitäten gibt, mit dem man jemanden etwas, was er schon hat, nochmals verkaufen kann.

Befremdlich finde ich das zuweilen und Rockattitüden á la „I can’t get no satisfaction“ von 70jährigen auf der Bühne eher peinlich. Auch 50+ kann man doch Green Day und Arcade Fire hören. Spannend übrigens, dass deren Musik sich nicht einfach Rock nennt, sondern Alternative oder Indie-Rock; die 30jährigen wollen sich offenbar von uns 50jährigen abgrenzen. Es sei ihnen erlaubt.

Trotzdem finde ich es wichtig, nicht immer am Altbekannten zu hängen. Die Welt dreht sich weiter und wir mit ihr. „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes,“ sagte (der 30jährige) Jesus. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber unsere Zukunft. Alte Wunden zu lecken ist genauso wenig hilfreich wie alten Träumen nachzuweinen.

Obwohl: Einmal auf dem alten Highway 61 von New Orleans nach Wyoming, das wär’s gewesen! Aber gut: Bob Dylan wird ja sowieso niemals alt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

So stellt man sich die Hölle vor 

salesch

(Abbildung: screenshot sat1)

Ein Mittag vor dem Fernseher – so muss man sich die Hölle vorstellen: Richterin Barbara Salesch urteilt noch vor der dem Essen über ein Mädchen, dem seine nudistische Mutter so peinlich war, dass es ihr die Klamotten angeklebt hat. Danach machen ein paar White-Trash-Frauen ihre Versager-Männchen nieder. Der traurige Bauer sucht später immer noch eine Frau, während abends ein paar „Big Looser“ sich von einem Coach immer wieder sagen lassen, dass sie es schaffen, 30 oder 40 Kilo abzunehmen.

Mit einer Mischung aus Befremden, Ekel und Überheblichkeit schaut man „Unterschichtsfernsehen“, wie Harald Schmidt es genannt hat, und hält sich lieber an ARD und ZDF, wo dann aber auch nur die üblichen Gäste bei den Talkshows ihre Weisheiten plakativ von sich geben. Die schicke Neokommunistin und der halbbärtige Wirtschaftprofessor streiten sich ja so schön, und wenn Todentöter die Islamisten verteidigt, ist Dampf in der Bude. Kurz gesagt, der Unterschied liegt weniger in der Qualität der Inhalte, als in den Themen und den Emotionen. 

Fraglos sind die Reality-Soaps der Privaten zuweilen abstoßend, aber die darin dargestellten Menschen dürfen es nicht ein. So überzogen und absurd manches darin vorgespielt werden, so wirklich sprechen sie die Probleme vieler Menschen an. Wie peinlich dürfen Eltern sein? Und wie kann einer als einfacher Junge auf dem Land endlich eine Frau kennenlernen? 

Warum bin ich so dick? Und warum mag mich keiner? Manchem liegen solche Nöte eben näher als die Frage, ob Putin Recht hat oder nicht.

Das heißt aber nicht, dass man den Reality-Soaps mittags zujubeln muss, im Gegenteil: Man muss den Menschen, die sich darin wiederfinden, zeigen, dass man sie auch im Alltag ernst nimmt. Dann will niemand mehr Übergewichtigen beim Seilspringen zusehen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Höflichkeit in Zeiten des Internet 

Zeichen_274.1.svg

(Bild: public domain)

Unflätigkeit und Internet scheinen zusammen zu gehören. Am Smartphone oder PC tippt sich schnell mal eine #Beschimpfung. Und Shitstorms haben selbst wir vom Kirchenbezirk schon erlebt, als sich militante Atheisten anlasslos auf unserer Facebook-Seite austobten. Die Hemmungen fallen, wenn man seinem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen muss.

Dennoch ist das alles nichts Neues, denn Unhöflichkeiten gibt es auch in der analogen Welt mehr als genug. Autofahrer sind zwar mit dem Vogel-Zeigen zurückhaltend geworden, seit dies als Beleidigung gilt, aber als kürzlich ein älterer Mercedesfahrer seine silberne Karosse schnell (und ziemlich schräg) in die Lücke fuhr, in die ich rückwärts einparken wollte, war das schon dreist, aber für den Fahrer offenbar selbstverständlich 

Auch Besserwisser gibt es nicht nur online. In Flein wollte kürzlich ein – ja, leider wieder: – älterer Mann die Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass dort jetzt 30er Zone ist, indem er auf der Fahrbahn den PKWs entgegen spazierte. Das war nicht nur gefährlich, sondern ging ihn auch überhaupt nichts an. Aber was soll man in einem Land, in dem es eine App gibt, mit der man Falschparker melden kann, auch anderes erwarten. Sie heißt übrigens WegeHeld.

Höflichkeit lässt sich leider nicht erzwingen. Man kann nur auf zwei Dinge aufmerksam machen: Erstens immer daran zu denken, dass man sich immer zwei Mal begegnet, und zweitens dass man, wie Jesus sagte, sich dem anderen gegenüber so verhalten soll, wie man möchte, dass einem die anderen begegnen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch wenn deine Nächsten das noch nicht begriffen haben.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Gebt mir eure Armen!

0ec2a270bc

Sie kommen auf Booten über das Meer, tausende von Menschen, am Ende gar Millionen. Voller Hoffnung, endlich frei zu sein und ein neues Leben beginnen zu können; Chancen zu erhalten, um nach dem eigenen Glück zu streben; mittellos die meisten.

Kurz bevor sie an Land gehen, sehen Sie die Symbolfigur des neuen Landes (Foto: Treiber) und erahnen die Widmung, die sie darstellt: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen.“ Eine Einladung an die Flüchtlinge aller Welt, zu kommen und das Land mit aufzubauen.

Diese Widmung, das können Sie sich denken, steht nicht an der europäischen Außengrenze nach Afrika oder Asien, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks, an der Freiheitsstatue, die auch Millionen von Deutschen begrüßte, die dem hiesigen Elend entflohen. Alleine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es zwischen 100.000 und 250.000 Auswanderer in die USA jährlich. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden noch einmal eine Million Deutsche von den Vereinigten Staaten aufgenommen und viele Millionen aus anderen europäischen Ländern.

Heute kommen Menschen aus Afrika nach Europa. Tausende müde, arme und geknechtete Flüchtlinge, die Hilfe und Chancen bei uns suchen.

Gewiss ist das alles nicht einfach. Aber das war und ist es für Amerika ebenfalls nicht: Als freies Land boten die USA auch Gegnern á la Bert Brecht Schutz, der sich über das Land, das ihm das Leben rettete, nur verächtlich äußerte. (Die von ihm gepriesene Sowjetunion hatte der spätere Stalinpreisträger Brecht schnell wieder verlassen.)

Und heute dürften bis zu 20 Millionen Einwanderer illegal aber geduldet in den USA leben. Das war hierzulande unvorstellbar, bis jetzt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

#indeepsorrow

e91507a287

Bild: screenshot (youtube)

Sofort nach dem schrecklichen Flugzeugabsturz im vergangenen Monat war in den sozialen Netzwerken ein interessantes und berührendes Phänomen zu beobachten. Zahlreiche Menschen aller Altersgruppen haben ihr Profilbild geändert. Statt der Schnappschüsse von Skiausfahrten und Hauskatzen waren die schwarz gefärbten Logos der Fluggesellschaften zu sehen. Auf Twitter drückten unter Hashtags wie #indeepsorrow Tausende ihre Trauer aus. Flugbegleiter in aller Welt schickten sich tröstende Bilder zu und hielten so einander virtuell fest: „One Sky… One Family…“ (Ein Himmel, eine Familie). Mich hat dies alles sehr berührt.

In der modernen Welt stehen wir schrecklichen Nachrichten zunächst hilflos gegenüber – großes Leid, das uns aber nur durch Medien vermittelt wird. Wem sollen wir da unsere Anteilnahme ausdrücken? Und wie gehen wir mit unserer Trauer und Angst um, die zunächst doch nur durch Fernsehbilder ausgelöst scheint?

In den sozialen Netzwerken bildet sich gegenwärtig eine Trauerkultur heraus, die neue Möglichkeiten zum Ausdruck von Beileid und Mitleid bietet. Kritiker schütteln über diese Online-Trauer gerne den Kopf, finden Sie sentimental und unangemessen, ja sogar als Affront gegen die Angehörigen und unmittelbar Betroffenen.

Bei der Trauer um Flug 4U9525 habe ich aus den Hashtags anderes gespürt: Ein tiefes Bedürfnis vieler Menschen mit ihren Gefühlen nicht allein zu sein, sondern sie auszudrücken und sie zu teilen – ohne den Angehörigen zu nahe zu treten. Wir gehören zusammen, heißt die Botschaft, sind eine Familie und „unsere Gebete gelten den betroffenen Seelen“, wie „alida“ schrieb.

Stay together!

Pfarrer Matthias Treiber

P.S. Falls Sie auch online ihre Gedanken und Anteilnahme zum Ausdruck bringen möchten: Die Lufthansa Group hat dafür die Seite indeepsorrow.de eingerichtet.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Beatles oder Stones? Nö! The Who!

800px-Who_-_1975

The Who 1975 (Foto: wikicommons – lizenzfrei)

In meiner Jugend gab es zwei große Schubladen, in die man einsortiert wurde: Beatles oder Stones hieß die Frage. Und noch heute stellen die alternden Moderatoren von „SWR1-Leute“ ihren Musikgästen diese Frage.

Meine Antwort darauf lautet: The Who! Was sonst? Während die Beatles schon immer und bis heute nach Musik für die Eltern klingen, habe ich Mick Jagger und Keith Richards selbst ihre tollsten Songs nie wirklich abgenommen, sondern höre da nur Bürgersöhnchen aus Dartford Revolution spielen.

The Who dagegen waren eine authentische Stimme ihrer Generation: kreativ und laut, live am besten und mit großem Einfluss auf Bands wie Pink Floyd und den Punk bis zu den Alternatives heute. Im Sommer 1964 war die Band gegründet worden.   

Dass die Jungs immer ihr Bühneninstrumentarium wie auch die Hotelzimmer zerstörten, fand ich bescheuert, aber „Baba O-Riley“, das Klagelied über die in Woodstock durch Drogen zerstörten Teenager, ist für mich nicht nur musikalisch einer der besten Rocktitel aller Zeiten.

Nach 50 Jahren sei es, so klagt ein Journalist, still geworden um die einst „lauteste Rockband der Welt“. Mit 69 Jahren, so alt ist The Who’s Pete Townsend jetzt, darf man das auch. Spätestens in diesem Alter sollte man Gelassenheit gelernt haben und nicht denken, man müsse nun den würdelosen Alten geben. Besser ist es bei Starbucks in Ruhe einen Frappuccino zu genießen und zuzuschauen, wie die heutige junge Generation sich ihre Welt erobert, – diese uns alt Gewordenen manchmal befremdenden Jugendlichen mit ihren Piercings, ihren Gadgets und ihrem Hip-Hop „… before they get old“.

Veröffentlicht unter Jugend, Uncategorized | Kommentar hinterlassen